
Warum dein Kind Grenzen testet, wie du es liebevoll begleitest und was hinter dem Verhalten steckt – darum dreht sich ein Interview von Laura Malina Seiler mit Kathy Weber. Kathy Weber ist eine deutsche Moderatorin, Kommunikationstrainerin, Autorin und Elternberaterin. Ihre Arbeit basiert auf der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Kathy unterstützt Familien dabei entspannter zu bleiben auch wenn es herausfordernd wird.
Sie erklärt im Interview die drei Autonomiephasen, die jedes Kind durchläuft. Jede dieser Phasen zeichnet sich durch bestimmte Bedürfnisse der Kinder aus. Werden diese zuverlässig erfüllt, entwickeln Kinder ein «gesundes Selbst». Einem «unerwünschten» Verhalten liegt immer ein unerfülltes Bedürfnis zugrunde – ob bei Kindern oder bei Erwachsenen. Das Verhalten will auf einen versteckten Schmerz aufmerksam machen, und wird oft nicht als Hilferuf verstanden sondern als störend und auffällig. Sind die Bedürfnisse gut erfüllt, gibt es keinen Grund mehr auf einen versteckten Schmerz oder Mangel aufmerksam zu machen.
Die drei Autonomiephasen fasse ich aus ihren Aussagen wie folgt zusammen:
- «Trotzphase» (Alter 1.5 bis ca. 5 Jahre)
- Oberbedürfnis: Sicherheit
- Unterbedürfnisse: Autonomie (selber machen), Führung (wie geht das von A nach B zu kommen, ich begleite dich), Grenzen, Schutz, Orientierung, Kooperation (Kinder wollen mitmachen), Zuverlässigkeit (dass jemand da ist für mich)
- Kinder wollen alles selber machen, alles anfassen
- Aufgabe der Eltern: Raum schaffen, dass diese Bedürfnisse weitestgehend über den Tag erfüllt werden
- «Wackelzahnpubertät» (Alter ca. 6-8 Jahre oder schon früher)
- Oberbedürfnis: Zugehörigkeit
- Unterbedürfnisse: Empathie, Gemeinschaft, Liebe + Zuverlässigkeit, Kooperation, Autonomie
- Kinder wollen selber Entscheidungen treffen (klein anfangen z.B. «Willst du Wasser oder Saft», «rot oder blau», …)
- Elterliche Liebe gewinnt noch mehr Priorität
- Zeit des Übergangs mit Kindergarten-/Schuleintritt
- Kinder rutschen oft in die erste Autonomiephase zurück, weil der Boden anfängt zu wackeln (passiert immer bei grossen Veränderungen, Trennung, Tod, ...)
- «Pubertät» (Alter ab ca. 9 Jahren)
- Oberbedürfnis: Achtung
- Unterbedürfnisse: Selbstbestimmung, Akzeptanz, Empathie, Orientierung
- Kinder (Jugendliche) wollen ihren Platz in der Welt finden, eigene Werte entwickeln und selbst entscheiden.
- Kann dramatisch sein, wenn Bedürfnisse der 1. und 2. Autonomiephase nicht genügend erfüllt wurden
- Wir beginnen sie wieder einzuschränken wie kleine Kinder ... dagegen rebellieren sie. Besser: Türe auf, ich bin zuverlässig da für dich, ich bleibe, ich liebe dich mit allem drum und dran, ich helfe dir durch die Erfahrungen durchzukommen
- Empathie schenken. Kinder lernen durch ihre Erfahrungen sich selber zu reflektieren. Es ist wichtig, dass sie sich selbst ausprobieren dürfen. Dadurch wachsen sie.
Dreiklang: Autonomie, Kooperation, Zuverlässigkeit sind in jeder Autonomiephase wichtig.
Und in jeder Phase testen die Kinder ihre und damit unsere Grenzen. Wie geht man damit um?
Viele Eltern scheuen sich davon in die Führung zu gehen, sie wollen nicht dass ihr Kind wütend oder traurig ist. Doch elterliche Führung ist wichtig, ohne Manipulation, ohne Bestrafung, voller Liebe. Damit bekommt ein Kind fundierte Sicherheit.
Kathy’s Tipp: In dem Moment wo unsere Grenzen getestet und wir herausgefordert werden dürfen wir weg kommen von dem Perfektionismus wie es «sein sollte». Sich einen Augenblick gönnen, durchatmen, einen Schluck trinken und dann wieder dabei sein. Sich selbst kurz abholen und schauen, was ich selber in dem Moment brauche um auch wieder (mit dem Kind) kooperieren zu können. Nur wenn wir mit uns selbst kooperieren, kann es auch das Kind mit uns.
Den Kindern ihre Energie lassen und sie gleichzeitig teilhaben lassen wo unsere eigenen Grenzen sind. Das ist ein Prozess und geht nicht von heute auf morgen. Spielerisches Ausprobieren.
Wie kann ich mein schlechtes Elterngewissen beruhigen, wenn ich es die letzten Jahre vielleicht anders gemacht habe? Habe ich jetzt alles kaputt gemacht?
Grundannahme der gewaltfreien Kommunikation: Jeder Mensch handelt in jedem Moment auf die beste ihm in diesem Moment zur Verfügung stehende Weise. Also, wenn ich jetzt etwas Neues höre und lerne, darf ich meine Meinung ändern und es ab jetzt anders machen. Das eigene «richtig» darf sich ändern.
Am Ende der Entwicklungsphasen ist das Kind erwachsen und hat selbst auch wieder die Freiheit zu entscheiden, wie es mit dem umgehen möchte, was es erlebt und erfahren hat. Die good news: Unerfüllte Bedürfnisse kann man sich auch später noch erfüllen und sich selbst «nach-be-eltern».
In diesem Sinne wünsche ich euch eine entspannte Zeit mit euren Kindern 💜
Wer’s noch genauer wissen möchte, hier die Links zu Kathy Weber:
Interview Februar 2025: https://lauraseiler.com/warum-dein-kind-grenzen-testet-kathy-weber/
Blog und Podcast von Kathy Weber: https://kw-herzenssache.de/
